Psychische Erkrankungen verstehen

Eine psychische Erkrankung ist sowohl für den Betroffenen als auch für deren Angehörige eine große Belastung.
Umso wichtiger ist es, die Erkrankung zu verstehen.

Angststörungen zeichnen sich durch übertriebene, andauernde Angstreaktionen aus, die auftreten, obwohl keine äußere Bedrohung besteht. Diagnostisch unterschieden wird zwischen der sogenannten generalisierten Angststörung und der Panikstörung. Generalisierte Angststörungen zeigen sich in diffuser Angst mit Anspannung, Besorgnis und Befürchtung über alltägliche Ereignisse. Panikstörungen hingegen treten spontan auf und beziehen sich nicht auf ein spezifisches Objekt oder eine spezifische Situation.
Phobien sind gerichtete Ängste, die an konkrete Dinge und bestimmte Auslöser (Objekte, Situationen oder Räumlichkeiten) gebunden sind.

Jeder zehnte Mensch in Deutschland leidet an einer Form von Angststörung.
 

Typische Gedanken oder Beschwerden könnten sein:

  • „Ich kann das Haus nicht mehr alleine verlassen, da ich fürchte, ohnmächtig zu werden und hilflos auf der Straße zu liegen.
  •  „Immer wieder überfällt mich diese furchtbare Angst. Es ist, als ob ich gleich sterben würde.“
  • „Stunde um Stunde bin ich mit meinen Gedanken beschäftigt. Ich schaffe es kaum, mich von ihnen zu lösen.“

Anpassungsstörungen sind Zustände subjektiver Bedrängnis und emotionaler Beeinträchtigung, die nach einer entscheidenden Lebensveränderung oder nach belastenden Lebensereignissen auftreten. Dazu gehören beispielsweise Trauer- oder Trennungserlebnisse, der Eintritt in den Ruhestand oder schwere Erkrankungen.

Die individuelle Prädisposition spielt dabei eine entscheidende Rolle. Dennoch wird davon ausgegangen, dass sich das Krankheitsbild ohne die Belastung nicht entwickelt hätte. Die Symptome schließen depressive Stimmung und Angst sowie die Wahrnehmung, den Alltag nicht mehr zu beherrschen, ein.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine chronische Erkrankung, die im Kindesalter beginnt. Es gibt verschiedene Formen der ADHS, wobei sich im Laufe des Lebens zusätzlich die Symptomatik verändert. Daher ist vor dem eigentlichen Therapiebeginn eine ausführliche, fundierte Diagnostik notwendig. Bei circa 30 bis 50 Prozent der Betroffenen bestehen auch im Erwachsenenalter weiterhin Symptome mit teilweise schwerwiegender Ausprägung.
 

Menschen mit ADHS weisen Symptome aus den folgenden Bereichen auf:

  • Unaufmerksamkeit
  • Überaktivität (Hyperaktivität)
  • Impulsivität


Diese können sich zeigen in:

  • emotionaler Erregung
  • Stimmungsschwankungen
  • Drogenmissbrauch
  • der Unfähigkeit, Aufgaben zu planen und diese bis zum Ende auszuführen
  • schnellem Desinteresse an Aktivitäten

Häufig folgen daraus Probleme in der Partnerschaft, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz (häufige Beziehungsabbrüche, Arbeitsplatzwechsel).

Bipolare Störungen beziehungsweise manisch depressive Erkrankungen zeichnen sich durch ausgeprägte Schwankungen im Antrieb, im Denken und in der Stimmungslage aus. Menschen mit bipolaren Störungen durchleben depressive Phasen und Phasen euphorischer oder ungewöhnlich gereizter Stimmung, welche mit einem deutlich gesteigerten Antrieb einhergehen. Sind diese Phasen schwach ausgeprägt, spricht man von Hypomanien, in voller Ausprägung von manischen Episoden. Bei schweren Manien kommen Symptome einer Psychose, zum Beispiel Größen- oder Verfolgungswahn, hinzu.

Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. 5,3 Millionen der 18 bis 79-jährigen Deutschen erkranken im Laufe eines Jahres an einer unipolaren oder anhaltenden depressiven Störung. (Quelle: Stiftung Deutsche Depressionshilfe)

Depressive Menschen leiden unter:

  • gesteigertem Gefühl der Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Interessenlosigkeit und Freudlosigkeit
  • Neigung zu ständigem Grübeln und pessimistische Zukunftsperspektiven und dem Gefühl, selbst nichts schaffen zu können
  • Durchschlafstörungen, frühem Erwachen oder gesteigertem Schlafbedürfnis
  • Gefühle der Wertlosigkeit, mangelndem Selbstbewusstsein, Schuldgefühlen
  • verschiedenen körperlichen Symptomen wie Enge im Brustbereich, Schmerzen
  • Appetitverlust, gesteigerter Nahrungsaufnahme
  • Gedanken und Impulsen, sich das Leben zu nehmen

Ursache einer geistigen Behinderung kann eine frühkindliche Psychose oder eine psychische Störung als Folge einer ungünstigen psychosozialen Entwicklung sein.

Ebenfalls kann eine Hirnschädigung oder ein genetischer Defekt zu einer geistigen Behinderung führen. Fest steht, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung ein erhöhtes Risiko haben, an einer psychischen Störung oder Verhaltensauffälligkeit zu leiden.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Persönlichkeitsstörung ein tief verwurzeltes Verhaltensmuster, das sich in starren Reaktionen auf verschiedene Lebenslagen äußert.

Ein von dieser Persönlichkeitsstörung Betroffener reagiert in bestimmten Situationen immer wieder auf die gleiche Art und Weise, selbst wenn die Konsequenzen negativ sind. Bei einer Persönlichkeitsstörung fehlt also die Fähigkeit, aus Erfahrungen so zu lernen, dass diese zu einer Korrektur des Verhaltens führen.

Es gibt verschiedene Persönlichkeitsstörungen: die antisoziale, narzisstische, schizotypische, selbstunsichere, abhängige, zwanghafte Persönlichkeitsstörung oder die Borderline-Störung.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung oder emotionale instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs geht mit Impulsivität, instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen, raschem Stimmungswechsel und schwankendem Selbstbild einher. Häufig schätzen die Betroffenen neutrale Situationen für sich selbst negativ ein, haben das Gefühl der Zurückweisung und geraten unter starke innere Spannung. Um diese abzubauen, kommt es manchmal zu Selbstverletzungen.

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) tritt als eine zeitlich verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis, eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes auf.  Die auslösenden Erlebnisse (Traumata), zum Beispiel schwere Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen oder Kriegshandlungen, können von längerer oder kürzerer Dauer sein. Betroffene erleben dabei Gefühle wie Angst und Schutzlosigkeit und empfinden in Ermangelung subjektiver Bewältigungsmöglichkeiten Hilflosigkeit und Kontrollverlust. 

Typisch für die PTBS sind die sogenannten Symptome des Wiedererlebens: Erinnerungen an das Trauma, Flashbakcs oder nächtliche Angstträume drängen sich Betroffenen auf.

In den ersten Tagen nach der Entbindung erleben viele Mütter eine kurze Phase, in der sie „leicht die Fassung verlieren“, stimmungslabil und ängstlich sind und grundlos weinen. Dieser sogenannte „Baby Blues“ klingt in der Regel nach kurzer Zeit ohne Behandlung wieder ab. Halten die depressiven Symptome über einen längeren Zeitraum an, kann sich eine ernstzunehmende Erkrankung – die Postpartale Depression – mit potenziell schwerwiegenden Folgen für Mutter und Kind oder die gesamte Familie entwickeln.

Bereits während der Schwangerschaft zählen Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Viele Frauen sind in dieser Zeit sehr ängstlich und machen sich große Sorgen über die Entwicklung des Kindes im Mutterbleib. Sie zweifeln, ob sie die mit der Mutterschaft verbundenen Erwartungen und Anforderungen erfüllen können. Andere psychische Störungen wie Angst-und Zwangserkrankungen, Wochenbettpsychose oder Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) können nach der Geburt ebenfalls auftreten.

Unter dem Begriff Psychose wird eine Reihe (in vielen Fällen vorübergehender) psychischer Störungen zusammengefasst, bei denen die Betroffenen die Realität verändert wahrnehmen oder verarbeiten. Ein Prozent aller Menschen erlebt im Lauf des Lebens eine psychotische Episode.
 

Typische Anzeichen für eine beginnende Psychose sind, wenn man:

  • sich „wie im Film“ fühlt und der Realität merkwürdig entfremdet ist
  • unbedeutende  Vorkommnisse in der Umgebung auf sich bezieht
  • sich beobachtet oder verfolgt fühlt
  • etwas hört oder sieht, was objektiv nicht vorhanden ist


Im akuten Stadium können folgende Symptome auftreten:

  • veränderte Wahrnehmung der Umgebung bis hin zu dem Gefühl, dass die Umwelt in einen intensiven persönlichen Kontakt mit dem Betroffenen tritt
  • Störungen der äußeren Wahrnehmung, bis zum Hören von Stimmen, die nicht wirklich da sind
  • das Gefühl, dass andere Kenntnis von intimsten Gedanken haben und/oder diese sogar beeinflussen können
  • eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen und Farben oder der Eindruck, dass sich die Welt auf eigenartige möglicherweise bedrohliche Art verändert habe
  • unangemessene Gefühlsreaktionen
  • sozialer Rückzug, Antriebsmangel, Apathie, verminderte emotionale Ansprechbarkeit

Fast die Hälfte aller Menschen, die an einer Psychose erkrankt sind, entwickelt im Laufe ihres Lebens eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Der Konsum von Alkohol und illegalen Drogen, vor allem auch Cannabis, kann den Verlauf der Psychose dramatisch verschlechtern.

Drogen köpnnen auch der Auslöser einer Psychose sein. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind Menschen mit einem Suchtleiden viermal häufiger als andere von einer Psychose betroffen.

Suchtmittelgebrauch in Verbindung mit psychischen Störungen wie Psychosen können zu großem persönlichen Leid und Veränderungen im Verhalten und Empfinden führen.
 

Typische Veränderungen können sein:

  • Stimmungsschwankungen mit Depressivität, Ängsten und Aggressivität
  • Leistungsabfall
  • riskantes Verhalten
  • Verwahrlosung
  • veränderte Wahrnehmung der eignen Person (beispielsweise Minderwertigkeitsempfinden oder Selbstüberschätzung)
  • veränderte Wahrnehmung der Umwelt (zum Beispiel Bedrohungs-, Verfolgungs- oder Beeinflussungserleben)
  • zusätzliche Wahrnehmungen (Stimmenhören, Gefühl der Durchlässigkeit, Körpermissempfindungen, Konzentrationsstörungen etc.)

Wenn sich dauerhafte seelische Belastungen, zum Beispiel im Rahmen von beruflichen und privaten Konflikten, in körperlichen Beschwerden ausdrücken, spricht man von psychosomatischen Erkrankungen. Diese sind auf den Einfluss der Seele (griech. psyche) auf den Körper (griech. soma) zurückzuführen. Der Patient fühlt sich krank, ohne dass der Arzt findet eine rein organische Ursache findet. Magen- und Darmbeschwerden, Rückenschmerzen, Ohrgeräusche oder eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körperbildes sind nur einige Krankheitszeichen aus der Fülle individuell völlig verschiedener Leiden. Experten schätzen, dass mindestens 25 Prozent der deutschen Erwachsenen einmal oder dauerhaft an psychosomatischen Beschwerden leiden.

Schizophrene Störungen sind durch grundlegende und charakteristische Störungen des Denkens und der Wahrnehmung sowie durch ungewöhnliche emotionale Reaktionen gekennzeichnet. In der Regel sind weder die Bewusstseinsklarheit noch die intellektuellen Fähigkeiten beeinträchtigt, obwohl sich im Laufe der Zeit gewisse kognitive Defizite entwickeln können.

Schizophrenie wird häufig fälschlicherweise als Persönlichkeitsspaltung verstanden. Tatsächlich tragen an Schizophrenie Erkrankte nicht mehrere Persönlichkeiten in sich. Das Verhalten eines akut Erkrankten erscheint Außenstehenden möglicherweise unsinnig. Doch sind die schwer verstehbaren Handlungen des Betroffenen das Produkt von Fehlwahrnehmungen und Fehlinterpretationen.

Bei Zwangsstörungen besteht ein innerer Zwang beziehungsweise Drang, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Die Betroffenen wehren sich zwar gegen den auftretenden Zwang und erleben diesen als übertrieben und sinnlos, können ihm jedoch willentlich nichts entgegensetzen. Hauptsymptome sind Zwangsgedanken (unzählige Gedanken, die sich immer wieder aufdrängen) oder Zwangshandlungen, wie ein Waschzwang oder Kontrollzwänge.
 

Typische Gedanken sind zum Beispiel:

  • „Ich verbringe mehrere Stunden am Tag damit, mir die Hände zu waschen, da ich eine Verschmutzung (Kontamination) befürchte.“

Menschen erleben aufgrund der Zwangsstörungen vielfältige Einschränkungen, die zu sozialem Rückzug und depressiven Verstimmungen führen.


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